Janis Quintino

3D - Animation & Fantasy

Der EbazEch

 

„Warum wachsen die leckeren Wurzelenden nicht weiter oben?“ fragte sich Pattchen ärgerlich. Aber welche Wahl hatte er? Er war süchtig nach ihnen und konnte, ohne sie zu naschen, nicht lange durchhalten. Also musste er sich wohl oder übel auf die Reise ins das tief in die Erde hineinwachsende Wurzelreich des Baumes, den Ebazech, begeben. Er schlich um eine Ecke und erkannte die Vorratskammer des Gnömlingsbaus und auch die Ratten entgingen ihm nicht. Sie waren von Ukma, der Gnömlingsmutter darauf getrimmt worden, jeden zu knechten, der ihrer Vorratskammer zu nahekommt.

 

Der Gnömlingsbau bestand aus 8 Höhlen, wobei die Naka Egoral Gnennsiss, die Haupthöhle war. Sie war auch außerhalb von Festen gut beleuchtet. Die Höhlen waren mit urigen Holzmöbeln ausgestattet. Die Gnömlinge waren zwar selten gute Schnitzer, doch hatten sie das meiste ihrer Inneneinrichtung einfach von ihren Ahnen übernommen, die vor ihnen unter diesem Baum gelebt hatten und die es wahrscheinlich wiederum von ihren Ahnen geerbt hatten. Keiner wusste sicher, wo die Möbel herkamen, doch so lange sie so schön da standen waren alle zufrieden. Die Möbel waren sehr künstlerisch geschnitzt, geschwungen und kaum abgenutzt. Das glatte Holz spiegelte leicht dämonisch dennoch erfrischend. Sie passten perfekt in den Gnömlingsbau und eigentlich auch nicht – denn „kaum abgenutztes“ war etwas, was für Gnömlinge eher unnütz war und unlogisch es zu besitzen. Aber da nur wenig unter dem Baum wirklich Sinn machte fiel das meiste Unlogische gar nicht mehr auf. Und so standen die Möbel auf ewig an ihrem Platz ohne Grund und ohne Nutzen. Vielleicht waren sie ebenso alt und beständig wie der Heimatbaum selbst.

 

Die Vorratskammer, von den Gnömlingen wurde sie Gnisli genannt, war die letzte der 8 Höhlen des Gnömlingsbaus und Pattchen sah vor ihr die Ratten patroullieren. Es würde schwer werden an ihnen vorbei zu kommen. Doch da bewegte sich plötzlich eine Wurzel über dem Eingang zur Vorratskammer und ein Haufen Sand bröckelte auf die Ratten nieder und begrub sie. War das einfach nur Glück? Zufall? Pattchen hielt sich nicht lange mit diesen Gedanken auf und krabbelte über die begrabenen Ratten hinüber zur Tür, die in die Vorratskammer führte. Auf der Tür erkannte er die verschnörkelten Zeichen. Sie bedeuteten, so wusste Pattchen, dass sich sterbende und sehr alte Gnömlinge hier entscheiden konnten, ob sie die Türe durchschreiten und damit weiterleben wollten oder ob sie im Wald sterben möchten. Denn ist ein Gnömling alt geworden und dem Tode nahe, kann er entweder diesen akzeptieren oder sich tiefer im Reich der Wurzeln verschanzen, wo diese ihm Lebenskraft schenken und er weiterlebt. Verlässt er jedoch das belebende Reich der Wurzeln und geht raus in den Wald, stirbt er sofort. Durch die Türe zu schreiten bedeutet also für einen totgeweihten Gnömling weiterzuleben.

 

Seine Vorfahren hatten die Tür vor langer Zeit geschnitzt. Sie war zwischen drei Wurzeln errichtet worden und wurde durch sie gehalten. Sie war extra so schwer konstruiert worden, dass man sie mit einfacher Körperkraft eines Gnömlings nicht öffnen konnte. Es bedurfte einer Geheimformel, die auf der Tür zu lesen war. Diese konnte nur von Gnömlingen gelesen werden. Pattchen las:

"Der Laut, der tief in Dir steckt,

der Laut, den Du nachts hörst, wenn Du schläfst,

der Laut, den Deine Ahnen und Urahnen kennen,

der Laut, der Dich nie verlässt

- laute ihn"

 

„Okay“ dachte er „dann mal los!“ Er machte ein paar Laute, die sich in etwa so anhörten, als wenn eine Vullowarschnecke bemerkte, dass sie heute ausversehen ohne Gehäuse unterwegs war und ihr auffiel, dass sie wohl seit Ewigkeiten keine Diät mehr gemacht hatte. Sogleich wurde der Laut von Ratten gehört und sie zogen an Seilen, die sich in kleinen Kammern in den Lehmwänden befanden. Die Tür öffnete sich mit einem leisen Knarren.

 

Leuchtendes Moos, Pilze und Wugluckse, Leuchtblüten der Dunkelheit schienen durch den offenen Spalt der Tür. Jedoch leuchteten sie nicht so strahlend, wie ein Gnömlingsbau bei einem Gnömlingsfest, dachte Pattchen. Dieses Licht war eher müde und mild. Und das passte gerade sehr gut zu Pattchens Stimmung, denn auch er war müde von der Jagd mit dem Jäger und dem Wolf.

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